Im Glas: Glenmorangie Spios, die Private Edition No. 9

Mit dem Glenmorangie Spìos führt Moet Hennessy seine Private Edition Reihe fort, in der mit Fassreifungen und Getreide experimentiert wird. Dieses Jahr hat sich Dr. Bill Lumsden mit seiner Produktentwicklung auf absolutes Neuland begeben: Ein schottischer Single Malt, vollständig gereift in amerikanischen Ex-Rye Whiskey Fässern.
Mir ist bisher noch kein Whisky mit dieser Vita bekannt. Diageo hat bei den beiden Abfüllungen Johnnie Walker Select Casks, Rye Cask Finish 10 Jahre und Johnnie Walker Blenders‘ Batch Red Rye Finish bereits mit Rye Fässern experimentiert, doch es war eben jeweils „nur“ ein Finish. Und da es Blends sind, hatte man zur Auswahl der Whiskys, die dem Kuss des sehr würzigen Ryes ausgesetzt wurden, eine deutlich größere aromatische Bandbreite zur Verfügung als Glenmorangie. Hier kam der klassische New Make von Glenmorangie in die Ryefässer und musste sich von Stunde Null an behaupten.

Wie lange der Spios lagerte, erfahren wir aus der zum Vorab-Sample gehörenden Pressemitteilung nicht. Das wurde auch bei den vorherigen Private Editions nicht explizit angegeben, doch zum Bacalta meinte Dr. Lumsden letztes Jahr, dass man den klassischen 10-Jährigen zum Finishen benutzt hätte, ganz wie bei Glenmorangie Usus (Hier findet ihr den Bericht über die Release Veranstaltung). Auch hier beim Spìos waren es ungefähr 10 Jahre, wie Dr. Lumsden von TheWhiskyExchange zitiert wird.

Wir wissen auch nicht, um welche Rye-Whiskey-Fässer es sich handelte. Auch das macht vermutlich einen Unterschied: US-amerikanischer Rye Whiskey muss mindestens 51% Roggen enthalten, doch es gibt auch Hersteller, die den Anteil wesentlich höher ansetzen. In inoffiziellen Gesprächen hat Dr. Lumsden eine sechsjährige Vorbelegung der Fässer mit Rye Whiskey erwähnt, wurde mir berichtet (ebenfalls inoffiziell 🙂 ).

Die Pressemitteilung bestätigt, dass auch der Glenmorangie Spìos nicht kühlgefiltert wurde, bevor er mit 46% vol. in die Flaschen kam – ganz so, wie wir es von den Private Editions gewöhnt sind.

Meine Tastingnotes zum Glenmorangie Spìos

Farbe: Helles Gold

Nase: Der erste Eindruck ist süß und würzig. Gedünsteter Apfel, leicht säuerlich. Getreidemaische, frische, dunkle Brotrinde. Frisches Heu, Kräuterwiese und starke Eichenoten. Ein Hauch Zitrusaromen wie von Bitterorangen. Es sind keine sehr raumgreifenden Aromen, sie drängen nicht mit Macht aus dem Glas.

Gaumen: Frucht ist kaum mehr zu ahnen. Würzige Noten haben klar die Oberhand. Roggen, Mandeln, fast Marzipan. Kirsche? Dunkles Karamell. Schärfe kommt durch und der Spìos geht kräftig-würzig auf. Muskatnuss, Holz. Und dann setzt eine enorme Trockenheit ein.

Nachklang: Sehr trocken. Bitterorange und Eiche.

Fazit: Das ist kein Gaumenschmeichler. Ein Glenmorangie mit würzigen und etwas scharfen Kanten – ein sehr ungewohnter Eindruck. Wer hier mit der Erwartungshaltung „elegant und cremig“ herangeht, wird wohl enttäuscht. Fein und weich ist der Spios vom Grundcharakter her auch, denn auch dieser New Spirit stammt aus denselben Brennblasen wie seine Label-Geschwister. Doch die Rye-Fässer verleihen ihm eine würzige Herbheit, die man mögen muss. „Spìos“ sei gälisch für Gewürz, lernen wir und so macht er seinem Namen alle Ehre.
Mir wäre dieser Single Malt als „Ich gönn mir etwas zur Entspannung“-Dram wohl etwas zu herb und scharf. Aber er hat Charakter. Seinen eigenen eben und vielen wird gerade diese Rauheit gefallen. In so manchem Cocktail würde der Spìos vermutlich eine sehr gute Figur machen. Aber wenn ich vorschlage, mit einer Glenmorangie Private Edition einmal versuchsweise einen Sazerac zu mixen, wird wohl entrüstet der Whisky-Bann über mir gesprochen…

Danke an Moet Hennessy für das Vorab-Sample

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