The Borders Distillery in Hawick – Ein Besuch mit viel Sonnenschein

Im 19. Jahrhundert war Hawick das Zentrum der britischen Strick- und Webwarenindustrie. Wollstrümpfe, Kaschmirpullover und Tweedstoffe machten Hawick groß und bekannt. Kaschmir und Tweed, Tweed und Kaschmir – auch heute noch springen einem beim Bummel durch die Straßen von Hawick diese Begriffe von allen Seiten von Schildern und Schaufenstern entgegen. Und noch immer sind hier viele bekannte Modeunternehmen angesiedelt wie beispielsweise Lovat Mill oder Pringle of Scotland.

Keine Industrielle Entwicklung ohne Energie. Hier in Hawick, 10 Meilen östlich von Jedburgh, war der River Teviot der Motor des Ganzen – oder genauer gesagt der Betreiber der Generatoren. So wie die der Hawick Urban Electric Company, die 1903 am Teviot ein großes Gebäude mit einer Anlage zur Energiegewinnung errichtete, die bis 1936 betrieben wurde. Ein Ingenieursunternehmen war später hier tätig, aber zuletzt hatte das heute denkmalgeschützte Gebäude im Herzen der Stadt lange keine zentrale Aufgabe mehr.

Vier Männer, Three Stills und 10 Millionen Pfund

„Wann kommt sie denn endlich zum Thema?“, denkt jetzt vielleicht der eine oder andere. Aber da sind wir bereits: Auf der Suche nach einem passenden Standort für ihre geplante Brennerei fiel die Wahl von George Tait, Tony Roberts, John Fordyce und Tim Carton auf eben diese leer stehenden Gebäude in Hawick, die sie dann 2015 erwarben. Finanziert haben sie ihr Unternehmen mit der Hilfe privater Investoren, die auf die Erfahrung der vier vertrauen: Alle kommen sie aus der Whiskybranche und haben in verschiedenen Bereichen auf der Managementebene gearbeitet. 2013 hatten sie die Three Stills Company gegründet, reichten die offiziellen Bauanträge im November 2015 ein, als das Fundraising die angestrebten 10 Millionen Pfund erbracht hatte, und konnten im August 2016 mit den Bauarbeiten und am 6. März 2018 mit der Produktion beginnen.

Die offizielle Eröffnung der The Borders Distillery war am 1. Mai 2018, fünf Tage später besuchte ich die Brennerei und wurde von John Fordyce empfangen und herumgeführt. Noch war es recht ruhig in Brennerei und Visitor Center, doch man ist optimistisch, dass die Besucherzahlen schnell ansteigen werden. Es ist die erste Whiskybrennerei hier in den Borders, seitdem die letzte aktive in Kelso 1837 geschlossen hat, so betont John. Das war auch der Grund, warum sich die Three Stills Company bewusst hier in der Gegend umgeschaut hat, meint er: Wer wolle schon eine unter vielen in der Speyside sein oder sich den engen Platz auf Islay teilen? 

Ja, sie ist schon beeindruckend, die Borders Distillery, mit ihrem ganz individuellen Charmes dieses Produktionsgebäudes: Ganz bewusst wurde der Charakter des alten Manufakturgebäudes mit seinen Stahlträgern, den unverputzten Steinwänden („random rubble wall construction“, falls sich jemand näher dafür interessiert, also gemauert aus ungleichen Bruchsteinen) und kleinen Gadgets wie einem restaurierten manuell betriebenen Kran erhalten. Das hohe, gläserne Dach lässt viel Licht herein, was die Halle optisch noch größer wirken lässt. Und da es ein herrlich sonniger Tag ist, reflektieren die Stills die Sonnenstrahlen ganz prächtig.

The Borders Distillery in Zahlen:

  • Eine 5-Tonnen-Mashtun
  • acht Washbacks aus Edelstahl (je 25.000 l)
  • zwei Wash Stills (je 12.500 l)
  • zwei Spirit Stills (je 7.500 l)
  • sorgen für eine Produktionskapazität von 2 Millionen Liter Alkohol bei voller Auslastung.
  • Beim Getreide setzt man zu 100 Prozent auf lokale Gerste, betont John, das Malz bezieht man aus Berwick-upon-Tweed von Simpsons. Nicht getorft übrigens.
  • Gelagert wird das Malz draußen in zwei 30-Tonnen Silos.
  • Das Wasser für die Produktion wird einem Bohrloch entnommen, das Kühlwasser stammt aus dem River Teviot.
  • Man wolle auf eine Fermentationszeit von 4 Tagen kommen, im Moment sei man noch am Ausprobieren und etwas darunter, es müsse sich alles erst einspielen.
  • Lagerhäuser wird es hier direkt bei der Brennerei nicht geben, sie befinden sich vor der Stadt.
  • Neun Arbeitsplätze wurden hier in der Brennerei geschaffen. Das klingt zunächst einmal nicht viel, aber wenn die Besucherzahlen steigen, wird man im Visitor-Center-Bereich sicher noch zulegen.

Ach ja, und dann ist da noch die Sache mit dem Gin: Eine große Carterhead Still wurde installiert, man will schon bald Gin auf den Markt bringen. Die Botanicals (The Borders Distillery will ausschließlich getrocknete verwenden) befinden sich bei einer Carterhead in einem Korb, man arbeitet also vollständig mit Dampfinfusion.

Kein Brennereibesuch ohne einen Dram zum Abschluss. Nein, natürlich gibt es noch keinen selbst erzeugten Single Malt, doch im Tastingraum der jungen Brennerei wird trotzdem firmeneigener Whisky ausgeschenkt: Zwei Blends stellt das Unternehmen her. Da ist zum einen der Clan Fraser, zum anderen der Lower East Side. Es sind zwei leichte, weiche Whiskys, die den Stil der Borders repräsentieren sollen. Ob der hier in der The Borders Distillery erzeugte Single Malt einmal einen ähnlichen Charakter zeigen wird? Wait and see.

Wenn ihr die Brennerei besuchen wollt und in die Verlegenheit kommt, nach dem Weg in Städtchen Hawick zu fragen, dann fragt bitte nicht nach „Hawick“, sondern nach „Hoyk“ – so in etwa wird der Name der Stadt von den Einheimischen nämlich ausgesprochen 😉 

Auf der Homepage der Brennerei gibt es hier auf dieser Seite ein kurzes Video, das in 5 1/2 Minuten den Aufbau der Produktionsanlage im Zeitraffer zeigt, von der leeren Halle bis zur Vollendung. 
Und wer nicht im Zeitraffer, sondern lieber ganz in Ruhe noch ein paar Bilder anschauen möchte, findet hier wie üblich eine kleine Bildergalerie:


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