Bulleit Frontier Whiskey

Gastartikel von Julia Nourney

Frontier WhiskySchon vor einigen Jahren, als ich das erste Mal eine Flasche Bulleit Bourbon in der Hand hielt, habe ich mich gefragt, was der Begriff „Frontier Whiskey“, der effektvoll in das dickwandige Glas der Flasche geprägt ist, wohl bedeuten könnte. Ich war mir zwar ziemlich sicher, dass es sich dabei nicht um eine Qualitäts- oder Produktionskategorie handelt, habe aber trotzdem angefangen, die einschlägige Fachliteratur nach diesem Begriff zu durchforsten. Als ich da nicht fündig wurde, habe ich meine Nachforschungen auf die produkteigene Website und andere Internet-Quellen ausgedehnt, doch auch hier gab es keine eindeutige Begriffserklärung.

E-Mail-Anfragen über die Bulleit-Website und bei Diageo blieben unbeantwortet. Meine letzte Chance sah ich bei Whisk(e)y-Fachleuten, die sich auf dem Bourbon-Parkett tummeln und so etwas eigentlich wissen müssten. Bis auf eine E-Mail blieben auch diese Anfragen alle unbeantwortet. Doch diese eine E-Mail hatte es in sich! Obwohl der Adressat, ein international bekannter Whisk(e)y-Autor, bei seiner Korrespondenz mit mir üblicherweise gar nicht zurückhalten oder kurz angebunden ist, bestand diese Mail lediglich aus zwei Wörtern: „marketing bullshit!“

Und mit dieser Antwort habe ich mich dann auch für einige weitere Jahre zufriedengegeben. Doch in der jüngsten Vergangenheit rückten die Produkte von Bulleit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Einerseits wurde die Diskussion darüber, wo Diageo die Bulleit-Range aktuell produzieren lässt, durch zahlreiche Pressemitteilungen und Blogger wieder angeheizt. Andererseits räumte insbesondere der Bulleit Rye bei zahlreichen Wettbewerben ab und wurde jüngst sogar bei den Mixology Bar Awards hier in Deutschland zur Spirituose des Jahres gekürt. Die Frage nach dem Begriff „Frontier Whiskey“ kurvte aber immer noch in meinem Hinterkopf herum und wollte jetzt endlich beantwortet werden.

Ein Gespräch mit „Master of Whisky“ Thomas Plaue, dem Whisk(e)y-Repräsentant Diageo’s für Deutschland und Österreich, brachte Licht ins Dunkel. Offensichtlich hatte ich seine Neugierde bei einem früheren Gespräch schon angeheizt, denn er nutzte die Gelegenheit einer gemeinsamen Veranstaltung mit Tom Bulleit, nach dessen Familie die Marke benannt ist, um diesen auf das Thema anzusprechen.

Toms Ausführungen über die Ursprünge des Whiskeys, die einhergehen mit der Geschichte seines Ur-Ur-Großvaters Augustus Bulleit, sind sicherlich einigen Marketing-Bemühungen unterworfen, versprechen aber trotzdem einen interessanten Blick in die Geschichte. Demnach wurde sein Vorfahre in Frankreich, vermutlich im Elsass, geboren und emigrierte später nach Amerika. Der Zeitpunkt seiner Geburt bleibt im Dunkeln. Offiziell heißt es, Augustus sei bereits Ende des 18. Jahrhunderts emigriert, andere Stellen geben sein Geburtsjahr aber sehr detailliert erst für 1806 an. Auch über die Geschichte seines späteren Lebenswegs scheint es unterschiedliche Auslegungen zu geben. Tom Bulleits Version sieht um 1830 einen Umzug von New Orleans nach Louisville in Kentucky, ins Herzgebiet des Bourbons, vor. Dort soll er ein Wirtshaus und später zusätzlich eine Brennerei betrieben haben. Die Geschichten von den zahllosen Versuchen, das perfekte Rezept für Bourbon-Whiskey herauszufinden und schließlich auch zu entdecken, dürften wiederum auf das Konto von Marketing-Strategen gehen und sind heute sicherlich nicht mehr im Detail nachprüfbar. Andere Informanten erwähnen den Aufenthalt in New Orleans mit keiner Silbe und finden auch keine nachprüfbaren Urkunden, die einen längeren Aufenthalt bzw. den Betrieb eines Gasthauses oder sogar einer Brennerei in Louisville bestätigen. Demnach hielt sich Augustus Bulleit zwar kurzfristig in Louisville auf, zog dann aber bald nach Südwesten weiter, um sich im rund 70 Meilen entfernten Indiana als Müller und Bauer niederzulassen. In der damaligen Zeit betrieben sehr viele Müller kleinere Brennereien, da sie ihren Lohn, den sie meist in Form von Anteilen am gemahlenen Getreide erhielten, durch Destillation am besten haltbar machen konnten und die Nachfrage nach Alkohol auch immer sehr groß war.

Der einzige Punkt, in dem alle Versionen übereinstimmen, ist das Verschwinden von Augustus Bulleit im Jahr 1860, als er sich mit einer Lieferung von Waren auf dem Weg von seinem Heimatort in Richtung New Orleans befand. Sein Verbleib wurde nie geklärt und somit ist auch unklar, wann und wo er starb. Und auch, ob er bei diesem Transport wirklich Whiskey-Fässer nach New Orleans bringen wollte, dürfte reine Spekulation sein. Der kurz darauf ausbrechende Sezessionskrieg zwischen den nördlichen und südlichen Bundesstaaten verhinderte eine Nachforschung nach dem Verbleib Augustus Bulleits.

Die Rezeptur des heutigen Bulleit Bourbon Whiskeys sieht neben 68% Maisanteil eine sehr große Portion von 28% Roggen vor. Damit sticht er eindeutig aus dem Groß der sonstigen Bourbons heraus, deren Roggenanteil meist nur bei rund 15% liegt, sofern die Rezepturen überhaupt Roggen enthalten. Der intensive Geschmack des Roggens dürfte einen Hinweis darauf geben, wie der Whiskey von Augustus Bulleit geschmeckt hat, denn das ursprüngliche Rezept sah einen noch höheren Anteil von Roggen vor, was heutzutage aber eher der Spezifikation eines klassischen Rye-Whiskeys entsprechen würde.

CrockettOffensichtlich war es dieser würzige, intensive Geschmack, den die Frontiers-Men bevorzugten. Sie waren ortskundige und mutige Männer, die Siedlern in ihren Planwagen-Trecks auf dem Weg nach Westen halfen, die gefahrenlosesten Wege, seichte Flußübergänge und schneelos passierbare Bergpässe zu finden. Auch ihre Fähigkeiten, das Verhalten amerikanischer Ureinwohner einzuschätzen, war für die frühen Siedler von großem Wert. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass auf diesem Weg auch die ein oder andere Flasche Whiskey aus der Produktion Augustus Bulleits im Gepäck der Frontiers-Men zu finden und ein unverzichtbarer Partner am nächtlichen Lagerfeuer war. Die Prägung „Frontier Whiskey“, die heutzutage die Medizin-Buddeln früherer Zeiten ähnelnden Flaschen ziert, hat also durchaus seine Berechtigung und ist ein Hinweis auf die Familien-Geschichte der Bulleits, die sich seit 1987 wieder mit der Herstellung von Whiskey beschäftigen.

Die Entscheidung, seiner Familientradition zu folgen und – völlig unabhängig davon, ob es nun wirklich ein überliefertes Rezept aus den Tagen der Frontiers-Men gegeben hat oder nicht – sich zukünftig im Whiskey-Business zu tummeln, mag von der Familiengeschichte der Ehefrau des früheren Anwalts Tom Bulleit aus Kentucky noch bestärkt worden sein. Denn einer der Vorfahren von Elizabeth Bulleit war Daniel Boone, der wohl berühmteste und geachtetste Frontiers-Man der amerikanischen Geschichte, dessen Leben mehreren Büchern und Filmen als Vorlage diente. Als „Lederstrumpf“ zog er in den Romanen von J.F. Cooper in die Weltliteratur ein.

Es ist zwar höchst unwahrscheinlich, dass sich Daniel Boone und Augustus Bulleit jemals begegneten, aber ziemlich sicher, dass Daniel auf seinen zahlreichen Jagdausflügen und Touren nach Westen gelegentlich einen Whiskey genoss, der der Machart derer von Augustus Bulleit ähnelte. Im Gegensatz zu damaligen Zeiten gibt es heute keine „Bulleit-Distillery“ und Diageo, der Besitzer der Marke, hält sich relativ bedeckt mit Informationen, wo genau die Whiskeys entstehen. Hieß es bis vor kurzem noch, der Bourbon werde in der Four Roses Distillery hergestellt, scheint diese Angabe seit Anfang 2014 nicht mehr zutreffend zu sein. Die Produktion des Rye-Whiskeys erfolgt derzeit in der Lawrenceburg Distillery in Indiana, einer Auftragsbrennerei, in der auch viele andere Bourbon-, Rye-, Wodka- und Gin-Produkte hergestellt werden. Sie befindet sich direkt am Ohio River, der wie eine Lebensader schon zu Augustus Bulleits Zeiten genutzt wurde, um Waren aus Indiana und Kentucky bis zur südlichen Golfküste bei New Orleans zu transportieren. Gleichzeitig war der Ohio-River die Grenze zu westlicheren, unbekannten Territorien, dem Reich der Frontier-Men.

Text: Julia Nourney
Bilder: Julia Nourney und commons.wikipedia.org

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