Alchemie im Glas: Sebastian Büssings neueste Whisky-Kreationen

Wenn Sebastian Büssing auf einer Messe auf dich zukommt, dir ein Glas hinhält und mit schelmischem Blick sagt „Probier mal. Was meinst du dazu?“, dann weißt du ganz genau: Es ist mal wieder soweit. Der Alchemist hat erneut die Mysterien und Weisheiten von Chemie, Physik und Uisge Beatha vereint, um flüssiges Gold ins Glas zu zaubern. Und dessen Natur wirst du vermutlich nicht erkennen können, da sie jenseits alles bisher Gedachten liegt.

Sebastian ist als Brand Ambassador für verschiedene Brennereien tätig, doch als „The Spirits Alchemist“ kreiert er seine eigenen Whiskys, wie auch schon als Partner von Frank Gauert bei Cask Alive. Dabei hat er sich darauf verlegt, Spirituosen, vornehmlich Whisky, durch Finishen in besonderen Fässern eine ganz individuelle Note zu verleihen. Wer kommt schon auf die Idee, einen Single Malt in einem Kaffeefass nachzureifen? Nun, Sebastian auf alle Fälle und mit seiner Experimentierfreude kann wohl allenfalls noch Mackmyra mithalten.

Nun gibt es gerade leider keine Begegnungen auf Messen und des Alchimisten Neuschöpfungen kommen in Samplefläschchen ins Haus, begleitet von den Original-Flaschenlabeln. Also kein langes Rätseln und Versuchen, zu ergründen, was denn da in welch abenteuerlich vorbelegten kleinen Fässern gezaubert wurde. Und ein Blick auf diese Label verrät mir: Das sind wieder ganz typische „Wer kommt denn auf so etwas“ – Abfüllungen.

Ich verzichte darauf, mehr und detailliertere Infos auf Sebastians Homepage oder sonstwo zu googlen und begnüge mich mit den Angaben, die auf den Labeln zu finden sind.

The Ambassador’s Cask Selection

Ein Blended Malt Whisky mit Whiskys aus geheimen Brennereien aus Deutschland, Schottland und Schweden. So steht es auf dem Etikett. Wenn man weiß, für welche Brennereien Sebastian als Ambassador tätig sind, sind sie natürlich nicht mehr ganz so geheim…

Gereift in Bourbon-Fässern, erhielt der Blended Malt noch ein Finish in Negroni-Fässern. Negroni-Fässer? Ich liebe Negroni als Cocktail, aber als „Impfmaterial“ für ein Whiskyfass? 44,6% vol hat der Whisky und wie alle Abfüllungen des Spirits Alchemists kam er ungefärbt und nicht kühlgefiltert in die Flaschen. Beziehungsweise Fläschchen, denn diesen besonderen Tropfen gibt es nur in 0,2 l Größe.

In der Nase kommt er mir weich, leicht fruchtig und würzig entgegen. Gedünsteter Apfel, Honig, Vanille. Eiche. Schöne Bourbonfassaromen. Ich fühle Erleichterung – Ich weiß nicht recht, was ich erwartet habe, als ich „Negroni“ las, aber dies hier nicht. Tut gar nicht weh.😉 Das riecht richtig schön nach einem gefälligen Whisky.

Am Gaumen fast schüchtern erst, süß, weich, dann geht er auf. Breitet Frucht aus. Apfel, reife Birne, Steinfrüchte jedenfalls, keine beerigen Noten. Wieder die Vanille. Rauch –das ist doch Rauch, der sich da hinten am Gaumen zeigt, wenn ich einatme? Schönes Volumen im Mund. Dann kommt eine Würzigkeit auf, bittere Aromen kommen hervor, Bitterorange. Ah – ist das der Negroni?

Im Finish bleiben diese leicht bitteren Aromen, während die Süße gewichen ist.

Was soll ich sagen? Ich finde The Ambassador’s Cask Selection richtig gut. Lecker. Tolle Sache, schön komponiert. Ein harmonisches Miteinander der geblendeten Whiskys. Das Negronifass hat dem Whisky wohl einen leicht würzigen „Unterbau“ gegeben, aber dominiert ihn nicht.

The Spirits Alchemist Lowland Orchard

Ein Single Cask aus einer geheimen Lowland-Brennerei, gereift im First-Fill-Bourbonfass und gefinisht für 11 Monate in einem nacheinander mit zwei unterschiedlichen Bränden vorbelegten Fass. Zunächst mit Grappa, dann mit einem Cuvee aus Obstbränden. Abgefüllt mit 60,3% vol.

In der Nase „heller“, frischer als der Whisky Nr. 1. Auch wieder Honig, Vanille, Süße, auch Apfel, aber auch andere Frucht. Quitte?

Am Gaumen zeigt sich neben der Vanille sofort viel Frucht. Gesüßter Obstsalat. Zitrusfrüchte, heller Traubensaft. Untermalt von Milchschokolade. Eiche. Die mehr als 60 Prozent Alkohol sind nicht stark wahrnehmbar, hätte ich nicht so hoch angesetzt, wenn ich es nicht gelesen hätte. Trotzdem gebe ich ein paar Tropfen Wasser hinzu, der Whisky wird noch hell-fruchtiger, zitroniger. Traubenmost.
Im mittellangen Finish bleibt ein Eindruck von herber Weintraubenschale, etwas trocken. Aber auch eine Restsüße zieht sich durch.

Auch The Spirits Alchemist Lowland Orchard ist ein feiner Whisky, frisch-fruchtig, ein gelungener Obstgarten, aber auch hier ist das Bourbonfass immer noch deutlich da. Das Finish bleibt auch hier eine unterstützende Abrundung und nicht dominant aufgesetzt. 

The Spirits Alchemist The Panaceum

Ein Rye Whisky aus einer geheimen deutschen Brennerei – spannend. Single Malts und Grains gibt es ja schon sehr viele in Deutschland, Roggenwhisky ist da verhältnismäßig seltener zu finden. Auch hier hat Sebastian natürlich wieder gefinisht, dieser Whisky kam nach seiner First-Fill-Bourbon-Lagerung für 10 Monate in ein Cognacfass. 62,2% vol hat er zu bieten.

In der Nase ist er sofort da. Viel Roggenwürze, Röstaromen. Ich gebe ihm und meiner Nase ein paar Minuten, um sich miteinander vertraut zu machen. Hinter dem Getreide werden andere Noten frei – Tabak, grüner Tee… Menthol? Auch Zartbitterschokolade und Dörrpflaumen.

Am Gaumen ein „Boah“-Gefühl – sowas von würzig-getreidig. Röstnoten, Rinde von frischem Roggenbrot. Auch etwas säuerlich wie von Roggenteig. Dann wieder süß. Pumpernickel. Zartbitterschokolade, ein Mon Cheri huscht vorbei. Melasse, dunkle Trockenfrüchte, kräftig eingekochtes Pflaumenmus und Eiche.

Im Nachklang wird es sehr trocken, starke Röstnoten klingen nach.

The Spirits Alchemist The Panaceum ist eine richtige Wuchtbrumme, ein ganzer Mund voll Würze. Roggen und Cognac zusammen geben hier dunkles, kräftig gebackenes Brot mit dunkel-fruchtiger Süße. Nichts für Freunde zarter Noten und ein krasser Gegensatz zu den ersten beiden Malts. Der Panaceum ist total faszinierend. „Panaceum“ – das Allheilmittel. Aber echt.

Ich danke dir, lieber Sebastian, für die Samples und die Möglichkeit, deine neuen Whiskys trotz Messepause kennenzulernen.