Raasay Distillery: Besuch der Baustelle

Die kleine Insel Raasay liegt vor der Ostküste ihrer großen Schwester Skye. Knapp 20 Minuten braucht die Fähre vom Örtchen Sconser hinüber nach Raasay. Sobald sie sich der Anlegestelle nähert, kommt auch bereits die Raasay Distillery in Sicht – oder vielmehr die Baustelle, auf der die Brennerei gerade entsteht. Im September soll hier der erste New Make fließen, so sehen es die Pläne des Besitzers und Bauherren R&B Distillers vor.

Für Raasay ist es die erste Brennerei, sieht man einmal von den kleinen Schwarzbrennern ab, die auch hier früher zu finden waren. Ihre Abgeschiedenheit bescherte ihnen den großen Vorteil nicht von Kontrolleuren und Steuereintreibern beim illegalen Destillieren überrascht werden zu können: Von Skye aus wurden sie durch weiße Laken gewarnt, wenn sich jemand näherte.

Auch ich komme nicht überraschend, denn ich habe eine Verabredung mit Olli Blair, dem Architekten der Raasay Distillery. Bernhard Rems von den Whiskyexperts hatte den Kontakt zu Alasdair Day von R&B Distillers hergestellt. Leider ließ sich mein Zeitplan nicht mit dem von Alasdair in Einklang bringen, doch er verschaffte mir diesen Termin mit Olli, der mich und meinen Mann stolz über „seine“ Baustelle führte. Seit einigen Jahren wohnt er auf Raasay und betreibt von hier aus sein Architektenbüro ABIR Architects. Er kennt die knapp 120 Menschen, die hier auf Raasay leben und er weiß, wie wichtig das Projekt Whiskybrennerei für sie ist: Mit geplanten 11 Beschäftigten wird die Destillerie der größte Arbeitgeber auf der Insel sein und man hofft auch auf kleine Einnahmen aus dem Brennereitourismus. Der wird freilich nicht gewaltig über die beschauliche Insel hereinbrechen, die neben 2 B&Bs und einem kleinen Spar dafür auch gar nicht gerüstet ist. Die meisten der erwarteten 12.000 Touristen jährlich werden wohl als Tagesbesucher vom Standort Skye herüberkommen, weswegen sich die Brennereiführungen auch zeitlich an den Fahrzeiten der Fähre orientieren werden.

Die Brennerei entsteht auf dem Gelände des Borodale House, eines viktorianischen Anwesens, das im Laufe der Zeit verschiedenen Zwecken diente. Es war Wohnsitz des Gutsverwalters, Postamt und zuletzt bis vor wenigen Jahren Hotel. Das stattliche Hauptgebäude bleibt erhalten und wird neben Rezeption und Tastingraum der Brennerei auch fünf Gästezimmer, eine Lounge und eine kleine Küche beherbergen. Letztere werden allerdings nicht der Allgemeinheit offen stehen, sondern den Mitgliedern des Na Tùsairean Whisky Clubs vorbehalten sein. Mit der Mitgliedschaft, die der Mitfinanzierung der Raasay Distillery dient, erwirbt man unter anderem das Recht auf eine Übernachtung hier im Jahr und auf eine Flasche Raasay Whisky jährlich von den ersten 100 Fässern, während er sich vom 3- zum 10-Jährigen entwickelt.

An die Villa aus hellem Stein schließt das neu errichtete Produktionsgebäude der Brennerei an. Nach einem gold verkleideten Übergang wird ein Großteil des Komplexes in Schwarz gehalten sein (im Bild jetzt noch in Weiß zu sehen) und sich in der Landschaft aus der Ferne optisch zurücknehmen. Die Brennblasen hinter der Glasscheibe werden beleuchtet und sind so weithin sichtbar. Hinter der Brennerei, im Niveau um etliche Meter erhoben und mit extra Zufahrt ausgestattet, befindet sich das Lagerhaus.

Das Wasser für die Brennerei wird über ein Bohrloch aus 40 – 60 Metern Tiefe geholt. Wasserquellen von Destillerien haben oft phantasievolle Namen und so frage ich, ob das auch hier bei diesem Bohrloch der Fall ist. Nein, meint Olli, es ist einfach das Bohrloch, obwohl es nach keltischen Überlieferungen an dieser Stelle wohl einmal eine Quelle gab, die übersetzt „Well of the pale cow“ hieß. Auch mit einem anderen Tier steht die Brennerei in Zusammenhang: Als man die Einfahrt zum Lagerhaus über einen Bachlauf führte, wurde ein Rohr eingebaut, um das Fließen des Wassers weiter zu gewährleisten. Die Umweltschutzauflagen machten den Einbau eines zweiten parallelen Rohres nötig – es könnte ja sein, dass sich einmal Otter hier niederlassen und für den Fall, dass ein Rohr vielleicht irgendwann verstopft, muss ein zweites jederzeit den Zugang zum Meer gewährleisten.

Vom imaginären Otter zum bereits installierten Equipment der Raasay Brennerei: Eine Getreidemühle, eine Semi-Lauter-Mashtun, 6 Washbacks (je 5.000 Liter), eine Wash Still (5.000 Liter, absteigender, gekühlter Lyne Arm) und eine Spirit Still (3.600 Liter, aufsteigender Lyne Arm) sollen für eine jährliche Produktionskapazität von 94.000 Litern sorgen. Von den 6 Washbacks sind allerdings erst 3 installiert, die anderen 3 werden aus Platzgründen erst eingesetzt, wenn alle anderen Installationsarbeiten abgeschlossen sind. 90 Stunden soll die Fermentationszeit in ihnen betragen. Die Brennblasen wurden in Italien von der Firma Frilli gefertigt.

Der von R&B Distillers anvisierte leicht rauchige und sehr fruchtige Raasay-Whiskycharakter lässt sich anhand ihrer herausgegebenen „While we wait“-Abfüllungen erahnen. Sie wurden aus einem getorften und einem ungetorften Malt gebatcht und erhielten ein Finish in Rotweinfässern. Das Malt für den Raasay Whisky wird dann einen Phenolgehalt von etwa 15 ppm aufweisen und von Black Isle Maltings kommen, angeliefert mit Lastwagen über die normale Raasay-Fährverbindung.

Von den Fenstern der Gästeräume heraus, vom Lagerhaus und vom Eingang zur Brennerei aus – immer wieder geht unser Blick hinüber zur Insel Skye mit ihrer beeindruckenden Silhouette. Es ist ein stimmungsvoller Platz, den Alasdair Day für seine Raasay Distillery ausgesucht hat. Jetzt heißt es warten – zunächst einmal auf den Abschluss der Bauarbeiten und dann auf das Heranreifen des Whiskys. Alasdair Day ist derweil bereits in den Planungen für das nächste Brennereiprojekt, um nach dem „R“ wie Raasay auch das „B“ wie Borders im Unternehmensnamen zu rechtfertigen: Bei Peebles in den Lowlands soll eine weitere Whiskydestillerie entstehen.

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