Vorgestellt: Lorenz Schreier alias Tasting Fellows

Auf der Finest Spirits 2014 machte der unabhängige Abfüller tasting fellows durch eine kleine Aktion am Freitagabend ganz besonders auf sich aufmerksam: Ein leeres Whiskyfass wurde mittels Stichsäge ganz unkonventionell seines Deckels beraubt, damit sich jeder Besuch eine Nase voll des herrlichen Aromas im Innern gönnen könnte. Doch man brauchte nicht nur am Fass zu schnüffeln, um sich von der Qualität der Single Malts zu überzeugen, die tasting fellows anbietet.

Inhaber Lorenz Schreier (links im Bild) hatte natürlich sein Produktrepertoire dabei. Unterstützt von seine Frau Christine und Freund Elmar Andree (der sich mir mit den Worten „Ich bin der Patenonkel der Kinder“ vorstellte) freute er sich auf der Finest Spirits über das rege Interesse der Besucher an tasting fellows.

Der Besucherandrang war so groß, dass wir auf der Messe nur Zeit für ein kleines Pläuschchen hatten (Meinen Bericht über die Finest Spirits 2014 findet ihr übrigens hier). Doch Lorenz war so nett, mir nachträglich einige Fragen zu beantworten. Hier also ein brandaktuelles Interview:

Wer ist „tasting fellows“? Der Name könnte ja vermuten lassen, dass dahinter mehrere Freunde stehen…
Lorenz: 1997 habe ich mir, als Whisky-begeisterter 25-Jähriger, ein Fass frisch destillierten Whiskys von der Arran Distillery gekauft. Dieses habe ich Ende 2011 abfüllen lassen und begonnen Flaschen über Freunde und Bekannte zu verkaufen. Das Ziel dabei war, meine Kosten für die Abfüllung wieder zurück zu bekommen. Der Whisky wurde in privaten Verkostungen empfohlen (tasting) und fand seinen Weg über Mundpropaganda von Freund zu Freund (fellow).
Durch dieses Fass habe ich viele neue Leute kennengelernt, es hat mir Spaß gemacht und dann entstand die Idee, dass ich das Ganze wiederholen könnte…
Als ich die ersten Fässer erworben hatte, wurde mir bewusst, dass ich dem Kind einen Namen geben musste und da kam mir „tasting fellows“ in den Sinn. Am Tag vor dem Gespräch mit der Designerin für das Logo wachte ich mit dem Untertitel „a pleasure to share“ auf. Ich erzählte ihr davon, sie fand es klasse und hat den Untertitel gleich mit verarbeitet.
Auch wenn die Firma auf meinen Namen läuft ist es tatsächlich so, dass ich viele Unterstützer habe ohne die die Entwicklung, die wir in doch recht kurzer Zeit genommen haben nicht möglich gewesen wäre. Als erstes muss ich hier meine Frau, Christine (Tini) nennen. Ihre Offenheit für mein „Projekt“, ihr Verständnis, ihr Rat und ihre liebende Unterstützung sind die Basis, die es mir möglich gemacht hat, neben Familie und meinem regulären Beruf zum Whiskyabfüller zu werden.
Und dann gibt es einen engen und einen weiteren Kreis von Mitstreitern und Unterstützern, die in den unterschiedlichsten Themengebieten beraten, helfen und mitarbeiten, u.a. bei der Auswahl der Fässer, beim Aufbau von Kontakten, beim Marketing, der Websiteentwicklung, der internen Organisation, der Logistik, den Messebesuchen und vielem mehr.
Auf der FINEST SPIRITS, auf der wir nun in 2014 zum zweiten Mal als Aussteller auftraten, waren wir überwältigt von dem Feedback und der Unterstützung von unseren Kunden, die unsere Entwicklung beobachten, Freude an unseren Whiskyabfüllungen haben, uns gegenüber Verbundenheit zeigen, uns weiter empfehlen, Kontakte u.a. zu Clubs und Händlern verschaffen. Besonders schön ist es, dass einige beim gemeinsamen Whiskytrinken („tasting“) zu guten Bekannten, Kumpels und auch zu Freunden geworden sind („fellows“ eben).

Verrätst du uns ein paar private Eckdaten über Lorenz Schreier?
Lorenz: Geboren, bin ich am 24.04.1972 in Böblingen. Ich wuchs in Herrenberg, unweit von Stuttgart auf.
Nach meinem BWL-Studium an der Berufsakademie in Villingen Schwenningen mit Ausbildungszeiten bei einer großen bayerischen Bank arbeitete ich in Leipzig. 2001 kam ich nach München wo ich Tini, meine heutige Frau kennen und lieben lernte.
Heute leben wir in der Nähe von München und haben zwei Söhne mit 3 und 5 Jahren. Wenn ich von der Arbeit komme, beschäftige ich mich am liebsten mit meiner Familie. Wir lieben es gemeinsam Sachen selbst zu machen. Wir backen Brot, Plätzchen und Pizza (besonders stolz bin ich auf meinen mit Holz befeuerten Flammkuchenofen, der im Garten steht), gießen Schokolade, stellen selbst Bonbons, Lollies, Badezusätze und alles mögliche andere her. Die Jungs sind gerne draußen mit Papa unterwegs , lieben aber auch zu basteln und zu malen und zu spielen..
Und da wir keinen Fernseher in unseren Wohnbereich haben bleibt mir abends oft die Zeit, etwas für tasting fellows zu tun während sich Tini gerne in ein Buch vertieft.

Wie kam es zur Liebe zum Whisky? Erinnerst du dich an deine erste Begegnung damit und wann der Whisky-Virus dich dann endgültig gepackt hat?
Lorenz: Als ich ein kleines Kind war hatte mein Vater für ein paar Monate beruflich in Schottland zu tun. Es entwickelte sich eine Freundschaft zu einer schottischen Familie und so führten uns viele Urlaube nach Schottland und ich durfte auch als Kind schon die eine oder andere Distillery besuchen (ohne den Whisky zu probieren – für die Kinder gab es Apfelsaft).
Mein erster Urlaub ohne Eltern führte mich dann per Interrail nach Schottland wo ich die Strathisla-Distillery besuchte und zum ersten Mal einen Single Malt im Glas hatte. Weitere Urlaube in Schottland folgten und als ich mit dem ersten Job begann Geld zu verdienen konnte ich mir dann auch leisten öfters einen Single Malt ins Glas zu geben.

Eigene Fässer kaufen und abfüllen – was hat daran so gereizt, dass du es sogar zu einer gewerblichen Beschäftigung gemacht hast?
Lorenz: Als die Idee bei mir entstand, nach meinem ersten privaten Fass nach weiteren Fässern für neue Abfüllungen zu suchen haben mich einige Leute für verrückt erklärt. Von vielen Seiten hörte ich, dass die Schotten einem Unbekannten, der Fässer kaufen will eh nichts anbieten würden, dass das ganze viel zu schwierig sei und schon viele gescheitert seien. – Diese Stimmen waren wohl der entscheidende Faktor für mein Vorangehen, denn sie haben meinen Ehrgeiz angestachelt.
Andererseits war auch viel Wahres in ihren Worten und es war tatsächlich ein hartes Stück Arbeit die ersten Fässer zu finden. Einer der Broker sagte es klar und deutlich: „Warum soll ich einem Nobody 2 oder 3 Fässer verkaufen wenn ich ein Vielfaches der Fässer nach Russland, China oder Indien zu besseren Preisen verkaufen kann?
Trotz vieler Absagen und einiger Samples, deren Qualität eine Abfüllung nicht gerechtfertigt hätte, irgendwann waren dann die ersten leckeren Whiskys im Glas und ich kaufe meine ersten 3 Fässer (Macduff 15J. , Mitonduff 17J. und einen Glenburgie 20J.).
Um diese abfüllen zu können musste ich ein Gewerbe anmelden und damit eine kleine Firma gründen, was ich mir zuvor natürlich erst durch meinem Arbeitgeber als Nebentätigkeit genehmigen ließ.

Wie kommst du an deine Fässer, wie kommen die Kontakte zustande?
Lorenz: Die ersten Kontakte kamen durch Klinkenputzen zustande. Ein Freund ist seit vielen Jahren als Berater im internationalen Einkauf tätig und er hat mir eine Liste von potentiellen Fassverkäufern besorgt. Die Liste habe ich abtelefoniert, bis ich, nach vielen Telefonaten und vielen Absagen, den ersten richtigen Kontakt gefunden hatte.
Heute habe ich mehrere Quellen, über die ich Fässer beziehe. Nennen kann ich diese natürlich nicht, freue mich aber über jeden, der mir einen neuen Kontakt verschafft oder ein Fass anbietet.

Worauf legst du dein Hauptaugenmerk bei der Auswahl der Fässer? Wie läuft so eine Fassauswahl ab?
Lorenz: Vor dem Erwerb eines Fasses erhalten wir eine Probe aus dem jeweiligen Fass. Diese Probe verköstigen wir als Blindverkostung in einem kleinen Nosingteam. Nach jedem Malt vergleichen wir unsere Notizen und besprechen die Eindrücke. Es fällt mir schwer zu beschreiben, was dann genau passiert, doch in dem Gespräch entsteht dann irgendwann die Idee, ob es ein Whisky ist, der zu tasting fellows passt oder nicht. Wahrscheinlich sind es weniger die Dinge, die auf dem Papier stehen, als die kleinen Randbemerkungen und Gesten, ein Glas,  das immer wieder zur Nase geht, ein „mhhh, lecker“, das dann am Schluss den Ausschlag gibt.
Die Auswahl der neuen Fässer ist für mich übrigens eines der besonderen Highlights der Tätigkeit als Abfüller. Oft sind die Samples sehr klein und man hat nur ein Mal die Gelegenheit zu verköstigen. – Ein kleiner Dram und man muss eine Entscheidung treffen. – In so einer Situation sind die Sinne besonders offen, man riecht und schmeckt deutlich intensiver als bei Genießen eines Drams unter normalen Bedingungen.

Ich sehe im Shop derzeit bis auf den Fettercairn nur Speysider. Ist das ein bewusst gewählter Schwerpunkt oder hat sich das nur so ergeben?
Lorenz: Ein wesentlicher Faktor für die Auswahl der aktuellen Range war das Angebot der Fässer. Wir haben zwar auch Whiskys mit sehr bekannten Namen, teils auch Islay Whiskys, angeboten bekommen, doch die Qualität und vor allem das Preis-Leistungsverhältnis waren nicht befriedigend.
Derzeit sind wir dabei neue Fässer zu erwerben. Ich bin selbst schon gespannt in welche Richtung sich unsere Abfüllungen entwickeln werden.

Was dürfen wir in der Zukunft von tasting fellows erwarten? Expansion oder ähnlich weiter wie bisher?
Lorenz: Eine klare Antwort auf diese Frage kann ich im Moment noch nicht geben. Auf der FINEST SPIRITS, die ja erst vor wenigen Tagen endete, haben wir sehr viel positives Feedback, Motivation und neue Ideen bekommen. Vor allem freut es uns, dass immer mehr Händler auf uns zukommen und unsere Whiskys vertreiben wollen.
Insoweit sind wir derzeit selbst am planen wie wir die Zukunft von tasting fellows gestalten werden.

Wir sind gespannt auf die kommenden Abfüllungen. Kannst du uns schon Infos geben, woran du gerade arbeitest?
Lorenz: Den größten Teil unserer Fässer haben wir mit den neuen 5 Abfüllungen auf den Markt gebracht. Wir warten derzeit sehr gespannt auf die Proben von neuen Fässern. Es gibt Ideen, wie das bestehende Programm ergänzt bzw. erweitert werden soll. Diese möchte ich im Moment aber noch nicht preis geben.

Wo kann man tasting fellows dieses Jahr probieren? Welche Messetermine stehen in deinem Kalender?
Lorenz: Aktuell sind wir in der Planungsphase für die Weiterentwicklung von tasting fellows. Wir haben diverse Tastinganfragen und auch Überlegungen zu Messebesuchen, die aber noch nicht fixiert sind. Wer Interesse hat, kann sich über unsere Website www.tastingfellows.de gerne für unseren Newsletter anmelden. Über diesen informieren wir über Messebesuche und neue Abfüllungen.

Verrätst du uns deine persönlichen Favoriten? Was trinkt Lorenz Schreier nach Feierabend?
Lorenz: Am liebsten einen Prosecco mit Tini auf unserer Gartenbank – wenn die Temperaturen es zulassen 🙂
Und wenn es kein Prosecco, Apfelschorle oder Schwarztee mit Milch gemeinsam mit Tini auf der Gartenbank ist, dann momentan am liebsten eine der 5 neuen Abfüllungen, den Glen Keith, Glenburgie, Glentauchers, Mortlach oder Braeval.
Doch wenn ich von einem Spaziergang oder der Gartenarbeit von draußen rein komme, dann ist es der Miltonduff, mit dem ich mich gerne stärke. Im Sommer sind Macduff und Fettercairn und Caperdonich meine Lieblinge. Und dann gibt es immer wieder mal ein neues Pröbchen, welches es zu erkunden gilt.

Wenn es noch etwas gibt, was du unbedingt weitergeben möchtest oder falls ich etwas ganz Wichtiges vergessen habe, dann wäre hier der Platz dafür…
Wenn es etwas gibt, was mir am Herzen liegt, dann ist es Dank zu sagen. Danke an alle Menschen, die tasting fellows in den letzten knapp 2 Jahren seit Entstehung unterstützt haben. Danke an alle, die gerne unseren Whisky trinken, die uns empfehlen, die Tastings halten und Danke an die Händler, die tasting fellows Whisky mit in ihr Programm aufgenommen haben.

Vielen Dank, Lorenz, für den netten Kontakt und die ausführlichen Infos! Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß und Erfolg mit tasting fellows.

 

Update Februar 2015: Lorenz seine Tätigkeit als unabhängiger Abfüller leider eingestellt. Die Gründe dafür erläutert er in einem Newsletter, den ich mit seinem Einverständnis hier für euch veröffentlicht habe.

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