Verkostet: St. Kilian Edition Two. Im Original und in Bausteinen

Ein freies Wochenende Anfang August. Ich genieße mit meinem Mann das Sommerwetter und die Landschaft im Aargau. Gegend Abend entdecken wir einen idyllisch gelegenen Brunnen mit einladenden Bänken – da lässt man sich doch gerne nieder und reckt die Nase in die Abendsonne. „Nase“ ist ein ideales Stichwort, um die vier kleinen Fläschchen ins Spiel zu bringen, die mit durften ins Wochenende, weil zuhause irgendwie keine Zeit mehr zum Verkosten war. Die hatte ich jetzt. Und so darf sich der deutsche Whisky auf dem Brunnen in der Schweiz in Szene setzen.

Auf Eins folgt Zwei – auch bei St. Kilian

Die fränkische Brennerei St. Kilian (wer sie noch nicht kennt, findet hier einen Bericht meines Besuches im vergangenen Jahr) hat im Mai 2019 mit der Signature Edition One ihren ersten Whisky herausgebracht. Diese Ende Juli 2019 erschienene Signature Edition Two ist (nomen est omen) das nachfolgende Batch. Es unterscheidet sich stark von der Vorgängerversion: Wurde für den One Whisky aus Eichenfässern mit verschiedenen Vorbelegungen und sogar ein kleiner Anteil aus Kastanienfassreifung gebatcht, kam diesmal ausschließlich Whisky aus Eichenfässern zum Einsatz, die zuvor Amarone-Wein enthielten. Um dem Whisky trotz seiner Jugend ein komplexes Aromenbild zu verleihen, entschieden sich Master Distiller Mario und Team dafür, zu verschiedenen Fassgrößen zu greifen.

Whisky aus ehemaligen Amaronefässern vermählt

Zu 61% lagerte der Whisky in 325-Liter-Fässern, zu 35% in 225-Liter-Fässern und der Rest von 3% entstammt 50-Liter-Fässern. Allesamt wie gesagt/geschrieben vorbelegt mit Amarone-Wein, einem italienischen Rotwein, für den die Trauben nach der Lese zunächst einmal für mehrere Monate in belüfteten Lagerräumen getrocknet werden. Die Trauben verlieren in dieser Zeit viel Wasser und der so entstehende hohe Zuckeranteil ermöglicht dem kräftigen, schweren Wein einen ungewöhnlich hohen Alkoholgehalt.

Soviel zum (angelesenen) Hintergrundwissen, hier sind nun die Tastingnotes jenes Abends am Brunnen. Die Alkoholstärke des Signature Edition Two beträgt übrigens 54,2% vol, zu den anderen Samples finde ich keine Angabe.

Das Tastingmenü: St. Kilian Edition Two und seine drei Bestandteile

Sample 325-Liter-Fässer

In der Nase starke „weinige“ Noten, süß-saure Beeren, Pfirsich, Birne und vollreife Zitrusfrüchte, Eiche. Ein kräftiger, fruchtiger Duft kommt mir entgegen, sehr einladend, aber durchaus auch mit gewissem Alkoholgehalt. Tabaknoten fliegen vorbei. Am Gaumen bestätigen sich die Beerennoten, wenn auch nicht so stark wie in der Nase. Johannisbeerbonbons. Birnenkompott und Erdbeeren. Jugendlich-frisch ist dieser Whisky, nicht von komplexer Tiefe, aber neben der fruchtigen Süße präsentiert er auch angenehme Malzigkeit und leichte Karamellaromen. Würzigkeit und Eiche im Hintergrund. Etwas alkoholisch, ein wenig pfeffrig und metallisch.

Sample 225-Liter-Fässer

Oh – hier zeigt sich, wie unterschiedlich sich Zwillingsbrüder entwickeln können. Die Nase verheißt Sahnekaramell, Toffee und gesäuerte Butter. Eiche. Längst nicht so fruchtig wie das Sample aus den größeren Fässern. Der Gaumen präsentiert etwas Vanille, ein leicht süß-cremiges Bild, das aber irgendwie von vorbeihuschenden Früchten und Gewürznoten unterbrochen wird. Nicht so recht zu fassen und kein stimmiges Bild. Das Mundgefühl wird zunehmen trocken. Ich nehme im Hintergrund irgendwie andere Noten wahr und suche. Ein paar Tropfen Wasser hinein … Gummirauch. Oder eher ein Hauch von abgebranntem Zündholz?

Sample 50-Liter-Fässer

In der Nase unwahrscheinlich kräftig und würzig. Süß, dunkel, weich, voll. Dunkler Sirup. Geröstete Nüsse, Karamell. Am Gaumen ebenso voluminös. Viele Gewürze, deutliche Holznoten. Die fruchtigen Noten sind da, aber hier nicht dominant. Da ist auch nichts mehr in Richtung Pfirsich oder Zitrus, eher noch dunkle Johannisbeeren. Dunkles Nusskaramell. Wohl unbestreitbar: 50 Liter Fässer drücken einem Destillat einen ganz deutlichen Stempel auf; das Holz verschaffte sich ein kräftiges Mitspracherecht und das Destillat kommt fast zu kurz.

Sample St. Kilian Signature Edition Two

In der Nase weich, Erdbeerbuttercreme und Werthers Echte treffen auf würzigen Glühwein. Am Gaumen zeigen sich die unterschiedlichen Charakterzüge nacheinander, verbinden sich aber schnell: Es beginnt mit Sahnetoffee und Nusskaramell, dann gewinnen sofort beerenfruchtige und würzige Noten Raum. Kräftig und leicht süß. Dunkle Brotrinde. Gummi- oder Zündholzaroma winkt ganz zart im Hintergrund. Würziger Wein bleibt präsent, während Röstaromen und Eiche stärker werden.

Die untergehende Sonne spiegelt sich im Whiskyglas

Nachgedanken zum St. Kilian Edition Two

Ist es wirklich nur die Fassgröße, die hier entscheidend war? Die Farbe des 225er-Samples bleibt eher im Bereich Gold, während bei den beiden anderen mehr oder weniger kräftig ein Kupferton vorherrscht. Irgendwie nicht „linear“. Die Vorbelegung erfolgte immer mit Amarone-Wein, ja, aber auch die Vorbehandlung der Fässer oder die Häufigkeit und Länge der Vorbelegung spielt ebenso eine Rolle wie die Eichenart. Wurden die 225-er-Fässer mit dem Whisky genauso lange gelagert wie die 325er? In diesem jugendlichen Alter können wenige Monate durchaus eine Rolle spielen. Vermutlich bekommen wir keine Antwort auf diese Fragen, aber das macht ja auch nichts – ein paar kleine Geheimnisse gehören einfach dazu.

Dieses Deconstruction-Tasting veranschaulicht sehr schön, was wir alle ja eigentlich wissen: Die Kunst der Fassauswahl und des Blendens kann man gar nicht hoch genug würdigen. In der Edition Two wird der Jugend des Whiskys durch das Nutzen der Aromenvielfalt begegnet, die Wein und Eiche liefern. Ein Whisky wie ein intensiver Spurt mit viel Adrenalin im Blut – weniger wie ein Langstreckenlauf, bei dem man die langsam am Wegesrand vorbeiziehende Landschaft bewundert.

Auf jeden Fall ist es eine gelungene Idee, die Whiskygemeinde durch das Verschicken solcher Deconstruction-Samples am Entstehen eines neuen Produkts und dem Entwickeln der Marke St. Kilian teilhaben zu lassen. Okay, leider nur einige wenige Blogger durch das Verkosten derselben, alle anderen dann durch das Lesen unserer Notes. Und die sind immer subjektiv, so sehr wir uns auch um Objektivität bemühen.

Vielen Dank an Pat und alle anderen St.-Kilianer. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

 

PS: Wer in der Schweiz unterwegs ist und Lust auf Whisky hat, muss natürlich nicht auf mitgebrachte Samples zurückgreifen, auch hier wird großartiger Whisky hergestellt. Also vielleicht mal einen Ausflug zur Langatun-Brennerei in Aarwangen oder einer Wanderung auf dem Appenzeller Whiskytrek zu dem einen oder anderen Säntis-Fass einplanen …

 

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