Vorgestellt: Sonat und Robert Birnecker und ihre Koval Distillery

Es war ein Entschluss, der ihr Leben komplett umkrempelte: Als Sonat und Robert Birnecker 2008 in Chicago die Koval Distillery gründeten, gaben sie dafür vielversprechende akademische Laufbahnen auf. Sonat war Professorin für Kulturgeschichte, zuletzt an der Universität in Baltimore tätig, Robert hatte eine Anstellung als Pressesprecher an die österreichische Botschaft nach Washington geführt. Es war der Wunsch, ihrem Leben eine neue, gemeinsame Richtung zu geben, der die beiden zu diesem Schritt bewegte.

Auf der Finest Spirits in München traf ich Sonat und Robert Birnecker. Während eines Masterclass Tastings stellten sie ihren Koval Whiskey und einige Produkte aus anderen neuen US-amerikanischen Craft Distilleries vor und berichteten über die rasante Entwicklung, die in ihrer amerikanischen Wahlheimat in den letzten Jahren auf dem Whiskeysektor stattgefunden hat.
Die meisten Spirituosen, die bekannten Bourbons und Ryes, werden in einigen wenigen riesigen Destillerien erzeugt. Bis vor sechs Jahren gab es nur rund 40 Whiskeybrennereien in den USA. Seither ist die Zahl der Brennereien sprunghaft auf 450 angestiegen. Kleine, persönlich betriebene Microdestillerien, in Amerika Craft Distilleries genannt, mischen die Szene auf und sorgen für eine ganz neue Whiskey-Vielfalt. Das ist nicht zuletzt der Verdienst der Birneckers, die mittlerweile auch als Berater unterwegs sind und rund einem Drittel der neuen Brenner Starthilfe gegeben haben. Mit einer Brenntechnologie übrigens, die hier in Deutschland und Österreich schon lange erfolgreich genutzt wird. Die Birneckers vertreten die Firma Kothe Destilliertechnik aus dem Baden-Württembergischen Esslingen als Ansprechpartner in Chicago.

 

In einem Interview hatte ich später Gelegenheit, Sonat zu den Hintergründen ihres Einstiegs ins Whiskeybusiness genauer zu befragen:

Whiskey brennen – das ist doch etwas komplett anderes als Studenten in Kulturhistorie zu unterrichten. Wie kommt man/frau zu diesem Entschluss?
Sonat: Mein Mann ist in einer Brennereifamilie aufgewachsen. Er hat von Kindheit an immer mitgeholfen und gewusst, wie das Brennen funktioniert. Sein Großvater macht auch viele Spirituosen, Schnaps, Likör, auch Whisky. Und durch diesen Hintergrund kennt er auch viele Leute In der österreichischen Szene. Wir haben andere Jobs gehabt, wollten dann aber einen anderen Lebensstil. Wir wollten miteinander arbeiten und auch die Kinder immer bei uns haben. Dann muss man eine eigene Firma haben, denn bei anderen Leuten kann man nicht die Kinder mitschleppen… Dann haben wir also überlegt: Was sollen wir machen? Sollen wir ein Kaffeehaus aufmachen (Ich habe über Kaffeehausgeschichte geschrieben)? Oder ein Restaurant, ein österreichisches Restaurant? Dann haben wir gedacht, wir haben immer den Schnaps seines Großvaters mit nach Hause genommen nach Chicago und alle Leute haben geschwärmt „Das ist so toll, wieso haben wir so etwas nicht hier?“ Warum also nicht damit weitermachen? Es ist ja eine Familientradition.
Als wir angefangen haben, gab es fast keine kleinen Brennereien in Amerika. Wir haben gesehen, dass es überhaupt keine Infos darüber gab. Es gab nur riesengroße Brennereien und ein paar kleinere, aber die haben das nicht professionell gemacht. Diese Zwischenstufe, professionell, aber klein, das gab es nicht. Dann haben wir also angefangen, mit Kothe zu arbeiten und diese Anlagen von Deutschland nach Amerika gebracht.

Ihr wolltet also einen anderen Whiskey machen als wir ihn bisher aus Amerika kennen?
Sonat: Ja, wir wollten von Anfang an unsere eigene Identität in der Brennerei haben. Wir wollten keine Kentucky Distillery nachmachen. Wir wollten eine andere Maische, einen anderen Stil haben. Da haben wir gedacht, die typischen amerikanischen Whiskys sind mit viel Nachlauf gemacht. Das ist okay, das ist verständlich, die große Brennereien müssen Massen produzieren. Man kann sich nicht nur auf das reine Herzstück beschränken, wenn man ganz viel Alkohol braucht. Aber wir sind klein und wir wollen wirklich einen sauberen Whisky auf den Markt bringen. Hell und frisch. Ohne Nachlauf, überhaupt kein Nachlauf kommt rein. Das ist Tradition in Österreich, wenn man so einen sehr guten Williams hat, gibt es keinen Nachlauf dabei oder man schmeckt es sofort. Wir haben gesagt, das stimmt auch für Whisky. Und wenn wir wirklich die Getreide im Vordergrund stehen haben wollen, dann müssen wir nur mit dem Herzstück arbeiten.
Wenn man nur mit dem Herzstück arbeitet, kann man auch anders lagern. Wir brauchen nicht sehr lange lagern, denn wenn man nur das Herzstück hat, gibt es nicht diese fülligen Komponenten. Wenn die Leute sehr viel Nachlauf hineingeben, dann hat das Fass eigentlich eine Art Filterfunktion. Aber wir brauchen das Fass nicht als Filtrationssystem, wir brauchen es nur für Farbe und Geschmack. Mit drei, vier Jahren ist unser Whiskey deshalb prima. Wenn es länger ist, hat das Fass zuviel Einfluss. Wir wollen immer, dass man die Getreidesorten herausschmeckt.
Wir waren dann eine der ersten solcher Brennereien in Amerika. Dann kamen wir und dann haben wir anderen Leuten geholfen in New York aufzumachen und in Atlanta aufzumachen, San Diego, Toronto und jetzt gibt es eine große Bewegung. Fast einem Drittel aller Leute, die in den letzten fünf, sechs Jahren eine Brennerei aufgemacht haben, haben wir geholfen.

War es nicht eine große Umstellung für Sie von der Arbeit an der Uni zur Arbeit in der Brennerei?
Sonat: Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber von Geisteswissenschaft zum Alkoholgeist ist es gar nicht so weit. Ich bin Kulturhistorikerin für Österreich und Deutschland, Zeitwende bis heute. Mehr auf Literatur konzentriert, auf Literaturgeschichte. Ich habe an der Universität in Berlin jüdische Kulturgeschichte unterrichtet, Frauenkulturgeschichte Deutschland-Österreich. Später war ich an der Uni in Baltimore. Aber es gab keinen „Schluss“ mit dem Lehren, es ist einfach anders geworden. In einer Firma muss man viele verschiedene Dinge machen. Am Anfang mussten wir alles zusammen machen, jetzt mache ich mehr Marketing und andere Dinge, Hintergrundkultur. Meine Unizeit hat mir sehr geholfen für meine jetzigen Aufgaben. Wenn man eine Doktorarbeit gemacht hat, weiß man wie man forscht. Manche Leute haben eine sehr romantische Idee, wie man eine Brennerei aufmacht. Lesen nicht so viel, forschen nicht so viel. Sie machen sich noch nicht einmal Notizen, wenn wir ihnen erzählen, wie das geht mit dem Brennen. Viele denken es geht irgendwie mit Osmose rein. Die haben dann eine Brennerei und dann rufen sie an „Können Sie das bitte nochmal erklären, wie es funktioniert?“ Wenn man ein guter Student war, dann kann man auch etwas anderes machen, weil man weiß, wie man lernt.

Koval Whiskey ist biozertifiziert…
Sonat: Ja, wir wollten genau wissen woher alles kommt. Wir kaufen nur von einer Bauerngruppe in Midwest. Alle biozertifiziert. Das ist ein großer Teil der Identität unserer Marke und es ist uns wichtig. Aber in Europa ist es anscheinend sehr schwierig, diesen Whisky zu verkaufen, denn hier sind nicht nur die Hersteller gezwungen, sich bio zertifizieren zu lassen, sondern alle, die damit zu tun haben, auch die Verkäufer. In Europa sind Bio-Spirituosen deshalb nicht überall zu kaufen. Die anderen nicht-Bioprodukte, werden in den großen Hotels und Bars und überall sein. Ich finde es schlimm, denn die Leute die Bio machen, investieren viel Geld. Und dann kann man es nicht verkaufen. In Amerika ist es nicht so, der Verkäufer muss nicht bio zertifiziert sein.

Wie ist das mit der zusätzlichen Zertifizierung des Koval Whiskeys als koscher?
Sonat: Da bei uns alles Bio ist, ist es im Grunde genommen sowieso auch koscher. Das Zertifikat ist noch ein Beweis, dass alles von einer weiteren Gruppe durchgecheckt wurde. „Koscher“ hat nichts mit religiösen Praktiken bei der Herstellung zu tun, sondern mit dem Inhalt des Produktes. Es gibt verschiedene Farbstoffe, die nicht koscher sind wegen der Herkunft, weil sie eine synthetische Kette haben oder sie können etwas von einem Tier enthalten. Was in unserem Produkt ist ganz natürlich. In Amerika sind fast alle natürlichen Produkte koscher, das ist ein Beweis, dass alles sauber und rein ist. Mit höchster Qualität gemacht.

Sie haben angefangen alleine mit Ihrem Mann. Wie groß ist die Firma heute?
Sonat: In Vollzeit beschäftigen wir 17 Angestellte. Und es gibt mehrere Leute, die noch Teilzeit für uns arbeiten. Wir verkaufen nach Europa, Australien, Kanada, in Europa Deutschland, Österreich, Dänemark, Niederlande, Italien. Es ist uns wichtig, dass wir hinter allem stehen und dass wir unsere Vertretungen überall unterstützen können. Auch da ist uns Qualität wichtig.

Wie sehen eure Ziele aus? Ihr habt jetzt schon vergrößert. Soll das Wachsen in der Größe oder eher in der Breite des Angebots?
Sonat: Gin haben wir als neues Produkt. Wir werden vielleicht noch einen weiteren Gin machen. Aber wir sind mit den Produkten im Grunde zufrieden. Wir werden immer besondere einzelne Sachen beschränkt auf den Markt bringen, denn es macht Spaß ein wenig herumzuspielen. Aber wir werden uns auf jeden Fall vergrößern, wir suchen im Moment nach einer großen Fabrik. Wir dachten, wir hätten eine gefunden, aber dann wollte jemand sie haben und hat mehr Geld auf den Tisch gelegt. Wir suchen weiter. Wir werden aber unserer Idee treu bleiben, dass wir höchste Qualität und sehr interessante Whiskeys auf den Markt bringen. Wir werden keinen Kompromiss machen in der Qualität um mehr zu verkaufen.

Am Anfang haben Sie gesagt, es war Ihnen wichtig, etwas als Familie zu machen, eine Firma, bei der auch die Kinder nicht zu kurz kommen.
Sonat: Ja, das ist uns sehr wichtig. Wir haben zwei Buben, ein Sohn ist jetzt fünf, der andere ist drei. Wir haben die Firma gegründet, als ich schwanger war. Am Anfang waren Robert und ich die einzigen, die in der Brennerei gearbeitet haben. Da hatten wir einen Spielraum dabei für die Kinder. Wir sind also gleichzeitig als Firma und Familie zusammengewachsen.

Wenn ihr jetzt hier seid bei uns, wo sind eure Kinder gerade?
Sonat: Die Kinder sind bei der Oma in Österreich. Dort gibt es auch Kinder im selben Alter nebendran, das ist wie Party, wenn sie da sind. Nach der Messe haben wir noch zwei Wochen gemeinsam Urlaub in Österreich. Wir gehen nach Wien, nach Salzburg und genießen die Umgebung.

 

Vielen Dank an Sonat Birnecker, dass Sie sich trotz des regen Messebetriebes die Zeit für dieses Interview genommen haben.

Wer sich weiter bei Koval umschauen möchte, der kommt hier zur Seite der Koval-Distillery: http://www.koval-distillery.com
Und hier geht es zur Seite von Kothe Destilliertechnik (die übrigens u.a. mit einem Bild der Birneckers werben, wie ich entdeckt habe… 🙂 ): http://www.kothe-dt.de/49.html

 

 

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